Der Bestatter

Im alten Ägypten übernahmen die Rolle des Bestatters die wohl angesehenen Hohepriester des Osiris. Sie sorgten für die Mumifizierung der Körper, da sie glaubten, dass die Toten diesen zum Weiterbestehen benötigten. Doch bald begann man den Körper nur noch als bloße Hülle zu betrachten. Die Seele wurde durch den Priester gerettet, der Körper blieb zurück.

Bis in das 18. Jahrhundert gab es den Beruf des Bestatters nicht. Die Beerdigung des Verstorbenen wurde von seiner Familie übernommen. Den Leichnam versorgte die Lichtmutter oder die Gemeinde­schwester, den Sarg fertigte der Schreiner und der Totengräber hob die Grabstelle aus. Nicht selten halfen dabei auch die Nachbarn. Der Umgang mit dem Tod und der Versorgung der Leiche war alltäglich und normal. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit 1810 ergab sich die Möglichkeit, Bestattungen als komplette Dienstleistung anzubieten. Die Angehörigen mussten also nicht mehr zum Schreiner, zur Leichenfrau, zum Arzt, zum Standesamt, zum Friedhofsamt und zum Pfarrer, sondern nur noch zum Bestatter.  Der Umgang mit Toten verschwand aus dem Alltag.  

In Laufe der Zeit veränderte sich so der Umgang mit dem Tod maßgeblich. Vor allem Angst und schlimme Ereignisse wurden nun mit dem Tod in Verbindung gebracht. Über die Themen Tod, Leiche und Bestattung wurde möglichst nicht mehr in der Öffentlichkeit gesprochen. Im 19. Jahrhundert wurde die Schreckensfigur des Leichenräubers (beispielsweise von Robert Louis Stevenson) mit dem Bestatter gleichgesetzt und so wird seitdem der Bestatter als hinterhältigen Geschäftsmann dargestellt, der, die Trauer der Angehörigen ausnutzend,  seine Kunden über den Tisch zieht oder sich gar an den Leichen vergeht. Auch wenn die Toten körperlich über die Erde wandeln, sei es als Vampire oder Zombies, so verraten uns die Gruselgeschichten und –filme bis heute,  ist ein Leichenbestatter nicht fern.

Im Filmklassiker Phantasm (dt. Das Böse) ist es der „Tall Man“, der dunkle Mächte zu besitzen scheint und irgendetwas Unheimliches in seinem Mausoleum verbirgt.  Hier ist der Antagonist aber zum ersten Mal ein ungemein interessanter Charakter, da er nicht einfach nur böse oder irre ist, sondern mit bedachter Ruhe gezielt und nach unverständlichem System vorgeht. Da ihn auch der Tod anscheinend nicht aufhalten kann, hat er etwas Allwissendes, Gottgleiches, aber nicht Unbesiegbares an sich, das ihn unentwegt spannend sein lässt.

Ein Leichenbestatter als Teil des Unknown Armies Setting ist eine gute Gelegenheit mit Vorurteilen zu spielen. Er ist zudem tief genug im kollektiven Unterbewusstsein verankert, dass man sogar den Weg seines Avataren beschreiten kann.

 Der Avatar des Bestatters

Der Avatar des Bestatters führt sein Urzeiten die Bestattungsriten der verschiedensten Kulturen durch, er ist der Gott der Einbalsamierung, der Herr des reinigenden Feuers und der Bootsführer über den Styx. Er bettet die Seelen zu Ruhe und kanalisiert die Trauer der Zurückgebliebenen. Er steht mitten unter den Menschen, doch sein Umgang mit den Toten entfremdet ihn mehr und mehr von den Lebenden. Das klassische Bild von Bestattern im westlichen Kulturkreis ist das eines alten, blassen, hageren und Zylinder tragenden Herren.

Tabu: Einen toten Körper unbestattet lassen.

Symbole: Sense, Totenschädel, Lilien

Masken: Baron Samedi (Voodoo), Hades (Griechisch), Hel (Skandinavien), Osiris/Anubis (Ägypten)

Mögliche historische Avatare: Ein Bestatter ist von seiner Anlage her für Diskretion bekannt, daher kennt die Welt kaum einen der Gottläufer namentlich. Der Anatom Gunther von Hagen alias „Dr. Tod“ polarisiert mit jedem seiner Projekte wie Körperwelten, wenn er tote Körper der Öffentlichkeit präsentiert. Im Dokumentarfilm Cruxifiction offenbarte er unter Tränen, dass er sich selbst für einen “Experten für den Tod” hält. Wrestlinglegende Mark Calaway alias „The Undertaker“ hat beeindruckend die Unsterblichkeit dieses Avatars demonstriert. Er ist damit der einzige Wrestler des aktuellen WWE-Kaders, der sowohl bei der ersten als auch bei der 1000. Folge aufgetreten ist

Gaben

1% – 50%: Du hast die Kunst der Bestattung vollständig verinnerlicht. Ein von dir bestatteter Mensch wird nicht als Dämon wiederkehren. Weiterhin musst Du niemals Stresstests auf Übernatürliches oder Gewalt machen, die andere bei dem Anblick einer Leiche erleiden würden. Selbst das Szenario, lebendig begraben zu werden (Isolation), fürchtest du nicht.

51% – 70%: Du bist in der Lage mit den Toten zu kommunizieren, bevor du sie bestattest. Da die Toten sehr schweigsam sind, bekommst du im Allgemeinen aber nur kurze Antworten. Die Anzahl der Worte ist gleich dem Zehnerwürfels deines erfolgreichen Avatarwurfes. Bei einem Patzer wirst du allerdings damit zu kämpfen haben, dass ein Dämon versucht, dich zu übernehmen.

71 – 90%: Du kannst diese Gabe nutzen und dir für kurze Zeit nicht nur das Wissen, sondern auch die Eigenschaften und Fähigkeiten eines toten Menschen aneignen. Der maximale Wert ist dabei von deiner Avatarfertigkeit beschränkt. Die Dauer beträgt den erfolgreichen Wurf in Minuten.

91%+: Der Tod hat keine Geheimnisse mehr vor dir. Du selbst bist unsterblich insofern, als dass du nur noch von einem Menschen getötet werden kannst, der einen höheren Avatarwert besitzt als du selbst. Versucht es jemand anderes, so kannst du mit einem gelungenen Wurf auf Avatar sofort wieder ins Leben zurückkehren.

 

Inspirationen

Fernsehserie:
Six feet under (USA 01-05):   Die Fishers betrieben in Kalifornien ein Beerdigungsinstitut und kämpfen Tag für Tag um ihr geschäftliches Überleben. Ein genialer Mix aus Soap, Satire, Comedy- und Drama. Oscarpreisträger Alan Ball (American Beauty) schuf die vielfach ausgezeichnete HBO Kultserie.

Filme:
Grabgeflüster (UK 02): Schwarze Komödie über Liebe, Tod und überraschende Bestattungsideen in Wales, die zwei Herzen nach 30 Jahren wieder zusammenfinden lässt.
Nokan – Die Kunst des Ausklangs (Japan 08): Auf der Suche nach einem neuen Job entdeckt ein Cellist die Anzeige eines auf “Reisen” spezialisierten Unternehmens. Er soll Verstorbene nach altem Ritual für die “Letzte Reise” vorbereiten.
After life (USA 09): Nach einem schrecklichen Autounfall erweckt eine Frau in einem kühlen, eiskalten und sterilen Bestattungsunternehmen. Der Bestatter Eliot bereitet ihren Körper schon für die Beerdigung vor und erklärt ihr, dass sie sich bereits im Jenseits befindet und er die Gabe hat, die Toten auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Kann man ihm glauben?

Comic:
Kurosagi Corpse Delivery Service: Fünf Dauerstudenten, ein Ziel: Geld mit Leichen machen! Der Kurosagi Corpse Delivery Service ist, wie der Name schon sagt, eine Organisation, die Leichen liefert – und zwar dahin, wo die Leiche will. Am besten natürlich gegen gute Bezahlung. Grandioser Manga, der der Welt von Unknown Armies entsprungen sein könnte.

Die­ser Arti­kel ent­stand im Rah­men des Kar­ne­vals der Rol­len­spiel­blogs „From The Grave [Oktober 2012]“, der von Teilzeithelden orga­ni­siert wird. Weitere Bei­träge fin­det man hier:  klick!

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