Somnus

Hinter den Spiegeln und hinter dem aschefarbenen Schleier liegt das schlummernde stille Reich Somnus, der Andersraum der verlorenen Erinnerungen und sterbenden Spiegelbilder.

somnusSomnus ist eine kalte verlassenen Welt, ein müdes Abbild einer Großstadt unserer eigenen Welt. Die Luft ist kühl, nicht kalt genug, um beißend zu sein, aber genug um dir die Körperwärme langsam und stetig zu rauben und auch deinen Geist zu untergraben. Alle Pflanzen in Somnus fehlen die Blätter und wirken wie Gerippe im stetig wehenden Wind. Es gibt keine Autos, nur verlassenen Straßen, die auf ihrem Weg aus der Stadt abrupt in dem Abgrund enden, der Somnus umgibt. Ein dichter Nebel verschleiert den Blick und es ist unmöglich zu sagen, was sich auf der anderen Seite des Abgrunds befindet. Die Zeit steht still in Somnus, ein endloser bedeckter grauer Tag ohne Hoffnung und Freude, nur die weite Leere.

Der „aschefabene Schleier“ wird der graufarbene Wolkenteppich von denen genannt, die diese bittere Welt durchwandern. Aus diesen Wolken schweben endlose Ascheflöckchen auf die Erde, die eine dünnen grauen Teppich entstehen lassen, der von den Spuren der Wanderer schnell verwischt wird. Von Zeit zu Zeit durchzuckt ein Blitz den Himmel und ein tiefes Donnergrummeln unterbricht die ansonsten totale Stille.

Die Gebäude in Somnus sind dieselben wie auf unserer Erde, nur älter und verschlissener, und bieten wenig Schutz vor dem kalten Wind. Die Räume in Somnus sind leer bis auf Räume, die Spiegel enthalten. Hier finden sich ungemütliche metallenen Rahmen, die von aschweißen Laken abgedeckt sind und nur den Eindruck von Möbeln hinterlassen. Die Spiegel selbst sind matt und erfüllen ihren Zweck kaum. Dafür kann man leises Flüstern vernehmen, wenn man sein Ohr an die Scheibe presst und genau hinhört.

Die düstere Atmosphäre hat bald einen Effekt auf die Besucher. Alle zwei Stunden wird ein Stresswurf auf Isolation (Stufe 3) nötig, wobei sich die Stufe von Tag zu Tag erhöht. Wird man von Müdigkeit übermannt, so fällt man langsam in einen traumlosen Schlaf. Jede Stunde Schlaf raubt dem Schläfer 2 Punkte Seele (4 Punkte, wenn er in der Asche zusammenbricht) und man schläft lange in Somnus. Wenn einem kein Wurf auf Seele (Mindestwurf 20) gelingt, so ergibt die Summe der Augenzahlen die Anzahl der Stunden, die man komatös danieder liegt. Die, deren Seelenwert auf Null sinkt, werden von der Asche überdeckt, werden selbst zu Asche. Andererseits bringt jede Stunde Schlaf einen  verlorenen Trefferpunkt zurück, während die verlorene Seelenpunkte erst zurückkehren, wenn man diesen trostlosen Andersraum verlässt.

Neben den Besuchern gibt es die Widerspiegler, die der Einsamkeit nachgegeben haben, mit letztem Willen die leeren Straßen durchwandern bis die bleierne Müdigkeit obsiegt. Dann legen sie sich in die Asche wie zum Schlafen, die Flöckchen umschmeicheln sie wie eine wärmende Decke und sie entschwinden. Einige sagen, der aschefarbene Schleier würde sich dann für einen Augenblick lichten und sie würden endlich Frieden finden.  Andere sehen, dass dort, wo sie vollkommen von der Asche überdeckt sind, nur noch Asche  übrigbleibt.

Diese Widerspiegler sind keine Bedrohung für die Besucher, sie können sie weder erkennen noch mit ihnen interagieren. Sie sind wie Geister, durchscheinend, bleich und substanzlos. Doch es gibt andere gefährliche Wesen, die Shatterfreaks, die in ihrer besonderen Form auf Somnus auf der Suche nach Opfern auf den leeren Straßen sind. ShatterMeist werden sie angekündigt durch eine Vielzahl von Blitzen, die den Himmel durchzucken, das trübe Licht wird dunkler und die Luft wird kälter, ja beißend. Bleiche Flammen erleuchten die Häuser, Flammen, die keine  Hitze abgibt, nur unnatürlich langsam flackern. Berührt man eine dieser Flammen, so durchfließt einen ein Gefühl von Zorn und Einsamkeit, das einen sofortigen Wurf auf Isolation und Gewalt (Stufe 4) erfordert. Die Shatterfreaks ernähren sich von diesen Traumata, doch glücklicherweise sind sie selten Die Chance einem solchen Wesen während seines Besuchs auf Somnus zu begegnen sind gewöhnlich 10% pro Tag. Niemals wurden mehrere Shatterfreaks auf einem Haufen erblickt, und niemand weiß, ob sie miteinander interagieren würden.

 Rituale

Das Eintrittsritual ( 2 schwache Ladungen)
Um nach Somnus zu gelangen braucht man einen Spiegel, der groß genug ist, um sich voll in voller Lebensgröße darauf auszustrecken. Weiterhin zwei Pfennige oder Pennies, die im Jahr deiner Geburt geprägt worden sind. Außerdem eine Mischung aus folgenden Indigrenzien:

  1. Wasser von geschmolzenem Schnee, der in einer Gegend gesammelt worden ist, in der im Umkreis von 10 Meilen niemand außer dir atmet.
  2. Eine Löffelspitze Asche der Leiche eines Kindes, das von keiner Familie betrauert wurde.
  3. Tränen eines Alzheimerpatienten, der seine Kinder verloren hat, sich aber nicht mehr an ihren Namen erinnert.

Mit dieser Mischung, im Weiteren die „Mixtur“ genannt, die in einem Kristallfläschchen aufbewahrt  wird, stellt man sich an einem bedeckten Tag im Inneren eines Hauses an das Fußende des auf dem Boden liegenden Spiegel und schließt die Augen. Dreh dich um und platziere je einen Penny auf jedes deiner Augen. Wirf eine Handvoll der Mischung hinter dich, benetze deine Stirn mit einer der zurückgehaltenen Tränen, breite deine Arme aus und flüstere die Worte „Ich erinnere mich Deiner“ in der Sprache des toten Kindes. Dann lass dich ohne einen weiteren Gedanken und voller Vertrauen hintüber auf den Spiegel fallen und verbrauche die Ladungen. Wenn das Ritual gelungen ist, landest du weich in einem Haufen Asche inmitten eines kalten leeren Raums, der dem gleicht, aus dem du gestartet bist.

Das Austrittsritual (2 schwache Ladungen)
Du kannst Somnus nur durch einen Spiegel verlassen, der dein gesamtes Spiegelbild reflektiert. Bedecke zunächst die gesamte Spiegeloberfläche mit der Mischung. Dann reibe die beiden Pennies aneinander, zwischen die du die am Morgen gefallene Asche zerkleinerst, bis sie nicht mehr zu sehen ist. Benetze ein weiteres Mal deine Stirn mit einer der zurückgehaltenen Tränen und sprich die Worte „Wenn ich nur vergessen könnte“ in der Sprache des toten Kindes. Dann wirf die Pennies gegen den Spiegel. Es wird so aussehen, als ob der Raum zerspringt und du wirst (mit jedem anderen in diesem Raum) in der realen Welt erscheinen, in dem Raum, der dem in Somnus entspricht.
Leute in diesem Raum sehen den Spiegel zerspringen und dich (und deine Begleitung) wie aus dem Nichts auftauchen (Stresswurf auf Übernatürliches (Stufe 3) ). Die Splitter scheinen aus Eis zu bestehen und beginnen sofort zu schmelzen. Die Pennies bleiben verschwunden. Da Somnus von einem unpassierbaren Abgrund umgeben ist, ist dies der einzige Weg zurück.

Der Lauscher im Spiegel (1 schwache Ladung)
Wenn man einen Spiegel in Somnus mit der Mixtur gemischt mit Asche von der Straße und eigenem Speichel beschmiert, kann man schwach die Stimmen derjenigen vernehmen, die in der realen Welt in diesem Raum sprechen. Angeblich soll es auch ein Ritual geben mit dem man durch den Spiegel in die reale Welt blicken kann.

Gerüchte
Ein New Yorker Privatdetektiv und Entropomant namens Leonard Ashe soll einem Fall nachgehen, in dem mehrere Morde begangen worden sind, an deren Tatorten Spiegelscherben und das Blut von unbekannten Leuten gefunden wurden. Zuletzt wurde er gesehen, als er in Coney Island ein ominöses Spiegelkabinett namens „Cragilia“ betrat.

Dieser Beitrag aus dem englischen Unknown-Armies-Archiv von Shatterfreak ist bereits im Kassiber 7 erschienen.

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Dies ist ein Artikel zum Thema Wege in andere Welten für den aktuellen Karneval der Rollenspielblogs.151229-RSP-Karneval

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