Ein kleiner Weihnachtsmarkt in einer kleinen Stadt. Er ist auf einem kleinen Platz; ca. ein Dutzend Buden sind kreisförmig um knapp zehn mittelgroße Tannenbäume angeordnet. Zusätzlich steht dort ein hoher, mit Lichtern geschmückter Baum. Dazwischen sind ein paar Stehtische, an denen man die frisch gekaufte Bratwurst, den Glühwein oder warmen Schmalzkuchen essen kann; fast macht es den Eindruck eines verwunschenen Wäldchens. Der Boden ist mit Rindenmulch bedeckt; die Buden stehen eng zusammengedrängt beisammen. Es ist richtig gemütlich und für einen Weihnachtsmarkt dieser Größe eine Menge los.
Ich drehe einem kleinen Kinderkarussell den Rücken zu und bestelle eine Bratwurst. Laute Volksmusik quäkt aus den Lautsprechern hinter mir. Noch während ich auf die Wurst warte, ertönt plötzlich ein lautes Quietschen – das Kinderkarussell ist angesprungen, und ein gelangweilt wirkendes Kind sitzt auf dem winzigen weißen Holzpony und dreht scheinbar lustlos seine Kreise. Erst jetzt betrachte ich das Karussell genauer. Es ist wirklich winzig, gerade mal 10 oder 11 Fahrmöglichkeiten drehen sich in kleinem Kreis. Nur ein auf dem Tickethäuschen montierter Scheinwerfer strahlt von der Seite auf die ansonsten unbeleuchteten Tiere und Wagen. Der Junge auf dem Pony wird abwechselnd von links und von rechts angestrahlt, was ihm zusammen mit dem apathischen Blick unwirklich – unecht – erscheinen lässt. Das Quietschen des Karussells klingt fast wie die gequälten Schreie verlorener Kinderseelen.
Der alte Mann im Tickethäuschen starrt leer geradeaus und wartet.
Ein Schauer überläuft mich. Fast meine ich in Ligottis “Gas Station Carnivals” zu sein. Irgendwie erwarte ich, dass ein weiteres Kind zum Tickethäuschen geht, der alte Mann erwacht und fragt, ob das Kind mit Geld bezahlen will oder lieber mit etwas anderem. Danach würde es vielleicht auch mit leerem Blick im Kreis fahren, während der Mann mit ausdruckslosem Gesicht eine weitere Seele in ein altes Kaugummiglas wirft, eine weitere bunte Kugel inmitten von vielen anderen. Wenn er das Glas verschließt, würden die quietschenden Klagelaute wieder etwas leiser.
Ich fühle mich wie bei Unknown Armies und bin froh als meine Bratwurst kommt.
Frohe Weihnachten!

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Schöne Geschichte und nachdem ich immer noch im Lande bin, Frohes Fest euch allen.
Tolle Geschichte, erinnerte mich mit dem Karusell auch an Bradburys Das Böse kommt auf leisen Sohlen
Ich hatte doch schon mal einen Kommentar geschrieben … Muss ich wohl den falschen Knopf gedrückt haben.
Dass der Text an Bradbury erinnert, kann gut sein. Das Buch steht ungelesen bei mir im Regal – ist also keine Absicht. Außerdem: Den Jahrmarkt und das Karussell gibt es wirklich – einschließlich Quietschen und Scheinwerfer – und ich habe dort auch echt eine Bratwurst gegessen. Ob das mit den Seelen so ist, kann ich allerdings nicht sagen
Na wenn alles andere stimmt, dann wird das mit den Seelen auch stimmen